von Dr. Andreas Heindl, stellvertretender Leiter der Geschäftsstelle der Plattform Lernende Systeme bei acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften

Lernen der Zukunft: Kompetenzentwicklung für die digitale (Arbeits-)Welt

28.11.2018

Die Digitalisierung bringt große Veränderungen mit sich. Der technische Wandel ermöglicht es Unternehmen, ihre Produktivität und Innovationsgeschwindigkeit zu erhöhen sowie ihre Fähigkeiten zu erweitern. Künstliche Intelligenz und intelligente Assistenzsysteme verändern nicht nur die Interaktion zwischen Mensch und Technik, sondern erfordern auch eine Transformation der Arbeits- und Organisationsprozesse in Unternehmen. Während sich große Unternehmen der Chancen und Bedarfe zumeist bewusst sind, fällt es vor allem kleineren Firmen schwer, Anforderungen, Umsetzungswege und Ziele zu identifizieren.

 

Insbesondere die Kompetenzentwicklung der Belegschaft ist eines der wichtigsten Handlungsfelder, um die Potenziale der Digitalisierung zu heben. Nicht nur im Umgang mit Technologien sind neue Fähigkeiten und Fertigkeiten erforderlich, etwa um neue Produkte, Prozesse oder Geschäftsmodelle zu entwickeln. Gleichzeitig rückt auch das interdisziplinäre Denken und Handeln sowie Sozial-, Führungs- und Kommunikationskompetenz zunehmend in den Fokus. Sie bilden die Grundvoraussetzung für die Transformationsfähigkeit von Unternehmen und schaffen zudem die Basis dafür, dass Beschäftigte von den Chancen der Digitalisierung profitieren.

 

Neue Ansätze durch Digitalisierung

Während die Weiterbildung heute noch sehr stark von klassischen Präsenzveranstaltungen geprägt ist, bietet die Digitalisierung neuartige Ansätze, um Kompetenzbedarfe schnell erkennen und adressieren zu können. Mit innovativen digitalen Lehr- und Lernmethoden eröffnen sich neue Zugänge, die es ermöglichen, die erforderlichen Fähigkeiten zu entwickeln und zu trainieren. Dazu gehören beispielsweise Assistenzsysteme, um auf konkrete Problemstellungen an Maschinen oder auch Computern einzugehen und lernförderliche Umgebungen zu schaffen. Mithilfe von innovativen Lehr-Lern-Lösungen lassen sich Inhalte passgenau und individualisiert vermitteln. Gleichzeitig gewinnt die Befähigung zum kontinuierlichen Wissens- und Kompetenzerwerb und das entsprechende Selbstverständnis an Bedeutung – Stichwort Lebensbegleitendes Lernen.

 

Drei wesentliche Zukunftstrends prägen das Lebensbegleitende Lernen:

1.      Flexibles Lernen: Zeit- und ortsunabhängige Lernmethoden, bei denen die Lernenden entscheiden, wann und wo sie lernen.

2.      Partizipatives Lernen: Zusammenarbeitsformen wie Kooperation, Co-Creation und Co-Working prägen den Lernprozess. Lernende lernen, lehren, vernetzen sich und arbeiten mit anderen zusammen.

3.      Lernen in Netzwerken: Netzwerke als Ergänzung oder Ersatz von Institutionen. Lernende entscheiden je nach Bedarf im Beruf über Inhalte und Lernformen. Dem Austausch mit Peer-Groups innerhalb und außerhalb des Arbeitsplatzes kommt eine hohe Bedeutung zu.

 

Geteilte Verantwortung

Zentraler Aspekt des Lebensbegleitenden Lernens ist eine geteilte Verantwortung zwischen Unternehmen und Belegschaft: Unternehmen müssen die individuellen Lernprozesse der Beschäftigten aktiv unterstützen. Dazu gehört unter anderem die lernförderliche Ausgestaltung der Arbeitsplätze. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sollten selbstbestimmt und eigenverantwortlich lernen, um dadurch in ihre eigene berufliche Zukunft zu investieren. Sie benötigen dafür unterschiedliche Angebote, die auf die jeweils individuellen Bedürfnisse und Bedarfe zugeschnitten sind, und ein gezieltes, auch informelles, Lernen „on the job“ und „on demand“ ermöglichen. Dazu gehören beispielsweise digitale Lernangebote wie Massive Open Online Courses (MOOCs). Dieses selbstbestimmte und bedarfsgerechte Lernen führt zu den im digitalen Zeitalter benötigten Qualifikationen und fördert die Lernfitness der Beschäftigten, die durch kontinuierliches Training auf- und ausgebaut wird. Fallbeispiele aus dem Arbeitsalltag eignen sich dabei besonders, um buchstäblich fit für das Lebensbegleitende Lernen zu werden.

 

Die Rolle von Unternehmen am Beispiel von Industrie 4.0

Am Beispiel von Industrie 4.0, als eine für den Innovationsstandort Deutschland wichtige Ausprägung der Digitalisierung, sind für Unternehmen insbesondere die Bereiche Datenauswertung und -analyse, Prozessmanagement und zunehmendes Prozess-Know-how sowie interdisziplinäres Denken und Handeln von hoher Bedeutung. Auch der Führungskompetenz des Managements kommt eine besondere Relevanz zu. So gilt es, die betriebliche Aus- und Weiterbildung an die Industrie 4.0 anzupassen. Die Qualifizierung der Belegschaft ist ein entscheidender Faktor für die Gestaltung der Industrie 4.0 und die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts. Die neuen digitalen Methoden bieten dafür entsprechende Möglichkeiten. Die Voraussetzung dafür ist, die Arbeits- und Prozessorganisation anzupassen sowie entsprechende Rahmenbedingungen zu schaffen.  

 

Chancen für Bildungsanbieter

Hier liegen insbesondere auch die Chancen für Bildungsanbieter, Beschäftigten mit bedarfsorientierten, formalen und non-formalen Angeboten die entsprechenden Kompetenzen zu vermitteln. Mit neuen Beratungsleistungen, individualisierten und situationsbezogenen Angeboten, produktspezifischen Weiterbildungen oder Ansätzen für Skill- und Gap-Analysen können Bildungsanbieter ihre Geschäftsmodelle weiterentwickeln und näher auf die Bedürfnisse ihrer Kunden eingehen. Ihnen kommt eine besondere Bedeutung in der Kompetenzentwicklung im digitalen Zeitalter zu. Denn sie haben die Chance, sich schneller anzupassen und Lösungen zu entwickeln, als dies aufgrund von Abstimmungsvorgängen von staatlicher Seite erreicht werden kann.

 

Wissenstransfer der Fraunhofer Academy

Die Fraunhofer Academy gibt durch ihre Weiterbildungsformate aktuelles Forschungswissen und Kompetenzen der Fraunhofer-Institute an die Wirtschaftsunternehmen zur bestmöglichen Qualifizierung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter weiter. Die Fraunhofer Academy ist die Weiterbildungseinrichtung der Fraunhofer-Gesellschaft. Sie wurde 2006 gegründet, um den Wissenstransfer aus der Forschung der Fraunhofer-Institute in die Wirtschaftsunternehmen voranzutreiben.

 

Veranstaltungshinweis

Neben Weiterbildungsformaten setzt die Fraunhofer Academy auch auf Plattformen für den Austausch. So findet am 12. Dezember 2018 zum zweiten Mal die Veranstaltung Open Discussion zum Thema Digitalisierung in der Arbeitswelt #digitalistbesser statt. Schwerpunkt ist die Frage, was und wie Menschen für den Job der Zukunft lernen können. Dort erwartet Interessierte unter anderem im Impulse Circle der Vortrag mit anschließender Diskussion „Wie sieht das Lernen der Zukunft aus?“ des Autors.