Ein Blick in die Zukunft der technologieorientierten Weiterbildung 2026

Weiterbildungs-Netflix oder New Modern Times?

22.11.2017

Viele Menschen träumen davon, in die Zukunft blicken zu können. In allen Bereichen der Wirtschaft – insbesondere aber bei der Entwicklung von technischen Produkten und Dienstleistungen – ist diese eigentlich unlösbare Aufgabe inzwischen zum Pflichtprogramm geworden. Wie sich die Zukunft gestaltet, hängt von zahlreichen Umfeldfaktoren ab, die sich teilweise unabhängig voneinander in unterschiedliche Richtungen entwickeln, sich aber dennoch durch Interdependenzen und Überschneidungen auszeichnen. Welche technischen Voraussetzungen werden bis zu einem bestimmten Zeitpunkt vorliegen beziehungsweise von welchen bis dahin existierenden technischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen hängt die Gestaltung von Produkten und Lösungen ab?

Für die Fraunhofer Academy als Anbieter von technologieorientierter Weiterbildung ist die Analyse und möglichst aussagekräftige Vorhersage von Strömungen und Trends im technischen Bereich von besonderer Bedeutung. Obliegt ihr doch die Aufgabe, Fachkräfte im MINT-Bereich für die künftigen Herausforderungen in ihren jeweiligen Berufsfeldern fit zu machen und ihr Weiterbildungsangebot entsprechend zu planen und zu gestalten. Denn besonders im Zuge der Digitalisierung nimmt die Weiterbildung eine zentrale Rolle ein. Mit der Geschwindigkeit des technologischen Wandels steigt auch der Bedarf an Fortbildung und lebenslangem Lernen. Davon ausgehend hat sich ein Team der Fraunhofer Academy der Foresight-Methode bedient, um tragfähige Zukunftsbilder als Handlungsrahmen für die Ausgestaltung der technologieorientierten Weiterbildung zu entwerfen.

 

Hintergrund Foresight

Wirtschaftsunternehmen erstellen meist Forecasts, die eher auf kurz- bis mittelfristige Entwicklungen ausgelegt sind. Zukunftsinstitute prognostizieren bestimmte Trends und Megatrends, die aktuelle regionale und globale Veränderungen in eine weiter entfernte Zukunft projizieren, um richtungsweisende Zukunftsbilder zu entwerfen. Im Unterschied dazu verbirgt sich hinter Foresight eine „strukturierte Diskussion über komplexe Zukünfte“ (Cuhls, 2012). Der zugrundeliegende Prozess ist in insgesamt sechs Phasen unterteilt, die sich grob in Analysen, Projektionen und Überprüfungen gliedern. Diese Methode kann dabei helfen, die Entwicklung von Weiterbildungsprogrammen und Anbieterportfolios auf mögliche künftige Anforderungen abzustimmen. Im Rahmen des Förderprojekts mint.online hat die Fraunhofer Academy anhand der Foresight-Methode untersucht, wie sich der technologieorientierte Weiterbildungsmarkt bis 2026 entwickeln könnte. Aufgrund verschiedener Annahmen und Gewichtungen von bis zu 50 verschiedenen Einfluss- und Schlüsselfaktoren auf den Weiterbildungsmarkt, die auf Basis quantitativer Daten und Informationen mit qualitativen Einschätzungen und Wertvorstellungen verknüpft wurden, hat die Fraunhofer Academy vier Zukunftsbilder entwickelt, die in Kombination als Impulse für die Entwicklung der Weiterbildung im MINT-Bereich wirken können.

 

Vier Szenarien für die Zukunft der Weiterbildung

Bei der Szenarienentwicklung hat die Fraunhofer Academy wichtige Schlüsselfaktoren für die Zukunft identifiziert: zum Beispiel der Wandel der Arbeitswelt, neue Geschäftsmodelle, Digitale Souveränität oder technologische Entwicklungen wie die Künstliche Intelligenz. Durch die Projektion dieser Faktoren sind vier Szenarien entstanden, die mögliche Zukunftsbilder der Weiterbildung im Jahr 2026 zeichnen:  

© Fraunhofer Academy

Foresight-Szenario Weiterbildungs-Netflix

1.    Weiterbildungs-Netflix

Im Szenario „Weiterbildungs-Netflix“ ist die Digitalisierung der entscheidende Treiber der Entwicklung. Sie begünstigt die Entstehung einer Cloud-basierten zentralen Plattform für Lerninhalte, die von den Nutzern nach Bedarf abgerufen werden können – also auf gleiche Weise wie die Inhalte des Video-on-Demand-Portals „Netflix“. Entsprechend werden basierend auf Nutzerprofilen Vorschläge für Lernmodule gemacht, deren Absolvierung durch digitale „Badges“ dokumentiert wird. Diese reichern das Online-Profil der Teilnehmenden an und werden für den Berufseinstieg oder den Jobwechsel zunehmend an Bedeutung gewinnen.

Die Lerninhalte auf der zentralen Plattform werden dabei von verschiedenen Akteuren entwickelt und bereitgestellt, beispielsweise Digitalunternehmen oder aus dem Hochschulumfeld. Formate wie „Weiterbildung on demand“, „learning to-go“ und „situatives Lernen“ prägen das Bild. Technologien wie Künstliche Intelligenz unterstützen Lernnachweise und Prüfungsformen.

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Foresight-Szenario New Modern Times

2.    New Modern Times

Das „New Modern Times“-Szenario setzt voraus, dass die digitale Transformation bis zum Jahr 2026 die Welt der Weiterbildung und der Arbeit verändert hat. Insbesondere werden Automatisierung und Künstliche Intelligenz in vielen Arbeitsbereichen bisherige Tätigkeiten ersetzen. Außerdem verkürzen sich Technologiezyklen immer mehr und erfordern die Transformation von Unternehmensstrategien und Geschäftsmodellen. So sind konsequenterweise Unternehmen die zentralen Akteure der Weiterbildung.

Unternehmen prägen im höchsten Maße die Lerninhalte und -formen. Die Weiterbildung findet dementsprechend hauptsächlich intern und unternehmensspezifisch, stark modularisiert, als Bestandteil des Arbeitsverhältnisses statt. Mithilfe von Learning Analytics Tools evaluieren sie die Karriereentwicklung und messen Bildungsfortschritte eines jeden Einzelnen, um die Erreichung von Qualifizierungszielen zu überprüfen. Unternehmen, die auf diese Entwicklungen reagiert haben, werden deutlich erfolgreicher als andere sein.

© Fraunhofer Academy

Foresight-Szenario Connective Learning Communities

3.    Connective Learning Communities

Im Mittelpunkt dieses Szenarios stehen die Lernenden im Sinne einer Crowd-Education: Sie agieren innerhalb der „Connective Learning Community“ gleichzeitig als Wissensgenerierer, -vermittler und -konsumenten. Durch diesen Peer-to-Peer-Ansatz entsteht ein kooperativer Wissensaustausch. Der Kern ist der freie Zugang zu vielfältigen, hochwertigen Bildungsinhalten in einem Open-Source-Modell, die sowohl in Online-Räumen als auch der „Makerspace“-Bewegung folgend in realen Lernlaboren vermittelt werden.

Kommerzielle Anbieter, Universitäten oder gar staatliche Einrichtungen werden nur untergeordnete Rollen spielen. Ausnahmen bilden kleinere Weiterbildungsanbieter, die sich als Teil der Crowd-Education verstehen, oder Unternehmen, die beispielsweise Lernlabore in der „realen Welt“ zur Verfügung stellen.

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4.    Fürsorglicher Vater Staat

Eine proaktiv geförderte Weiterbildungswelt prägt das Szenario vom „Fürsorglichen Vater Staat“. Indem der Staat Weiterbildungsstandards setzt sowie Bildungsmaßnahmen fördert und finanziert, zielt er vor allen Dingen darauf ab, die Chancengleichheit in der Bildung sicherzustellen. Die Voraussetzungen für dieses Szenario sind die Priorisierung nationaler Interessen und die gezielte Unterstützung von beziehungsweise die Vorbereitung auf Megatrends wie demografischer Wandel oder Digitalisierung.

Durch die staatliche Steuerung sind eine flexible, bedarfsorientierte Gestaltung von Weiterbildungsangeboten und agile Programmanpassungen nur eingeschränkt möglich. Das wird insbesondere die von schnellen Innovationszyklen geprägte technologieorientierte Weiterbildung vor Herausforderungen stellen. Nichtsdestotrotz wird durch die staatliche Unterstützung die wissenschaftliche Weiterbildung in Deutschland einen wichtigen Platz in der Bildungslandschaft einnehmen und zur Öffnung der Hochschulen für neue Zielgruppen beitragen. Die Hauptakteure in diesem Szenario sind demzufolge staatliche Weiterbildungseinrichtungen und staatliche Hochschulen. Unternehmen, Start-ups und private Bildungseinrichtungen haben in diesem Konstrukt das Nachsehen.

Die Wahrheit wird in der Mitte liegen

Bei Betrachtung dieser Szenarien wird deutlich, dass sie teilweise Schnittmengen aufweisen, teilweise aber auch sehr konträre Bilder zeichnen. Es ist daher falsch, sie jeweils isoliert voneinander zu betrachten. Der richtige Ansatz ist, diese vier Szenarien als Diskussionsanregung zu verstehen und als Grundlage für mögliche konkrete Handlungsfelder in der technologieorientierten Weiterbildung zu nutzen. Es gilt, daraus Strategien und Handlungsempfehlungen abzuleiten, mit der sich Weiterbildungsanbieter frühzeitig auf mögliche Veränderungen einstellen können.