Dr. Roman Götter zur Enquete-Kommission I "Weiterbildung"

12. Dezember 2019

Dr. Roman Götter, Leiter der Fraunhofer Academy durfte am 27.09.19 als Sachverständiger bei der Enquete-Kommission teilnehmen. Bei dieser Sitzung im Landtag von NRW sprach er gemeinsam mit Hr. Prof. Dr. Hubert Esser vom Bundesinstitut für berufliche Bildung, Hr. Dirk Werner vom Institut der deutschen Wirtschaft, Hr. Dr. Simon Janssen vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit und Hr. Professor Dr. Gerhard Bosch von der Universität Duisburg-Essen über die Themen Digitalisierung und Weiterbildung. Die wichtigsten Aussagen von Dr. Roman Götter können Sie in diesem Artikel nachlesen.

 

Digitalisierung als zentraler Faktor für Weiterbildung

 

Die Digitalisierung hat einen sehr großen Einfluss auf alle Arbeitsbereiche. Wir gehen davon aus, dass sich die Tätigkeitsfelder, die von Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen verlangt werden in Zukunft stark verändern werden. In unserer externen Studie zum Thema Digitalkompetenzen, die wir in Zusammenarbeit mit dem  Marktforschungsunternehmen Skopos durchgeführt haben, haben wir einerseits festgestellt, dass Unternehmen vor allem nach Kompetenzen verlangen wie  Lernbereitschaft, die Fähigkeit zur Lösung komplexer Probleme oder auch die Fokussierung auf kundenorientierte Lösungen; auf der anderen Seite sind diese Kompetenzen, die auch im Zuge der Digitalisierung an Bedeutung gewinnen werden, noch nicht so stark vorhanden, wie man sich das wünschen würde. Als Weiterbildungseinrichtung ist es unser Ziel, die nötigen Kompetenzen aufzubauen, um Deutschland als Wissenschaft- und Technikstandort weiterhin konkurrenzfähig zu halten.

 

Eine gute Erstausbildung ist nicht mehr ausreichend

 

Mittlerweile ist anerkannt, dass eine tiefer verankerte Weiterbildungskultur benötigt wird, um die Chancen des technologischen Wandels nutzen und die Risiken einer vertieften gesellschaftlichen Spaltung verhindern zu können. Damit wird Weiterbildung mit den institutionellen Systemen von Schule, Erstausbildung und Hochschule gleichgestellt.

Die Erstausbildung ist nur der Startpunkt eines lebensbegleitenden Lernprozesses mit vielen Zwischenstadien.

Wenn man davonausgeht, dass die steigende Bedeutung von Weiterbildung ein Indiz für den wachsenden Qualifikationsbedarf im Beschäftigungssystem ist, dann ist nicht mit einem Ersatz der Ausbildung durch die Weiterbildung angemessen zu antworten. Vielmehr stattdessen mit der Frage, wie im Zuge der Erstausbildung die Voraussetzungen dafür geschaffen werden können, dass die Bereitschaft und die Fähigkeit zur eigenverantwortlichen und selbstgesteuerten Weiterentwicklung der eignen Kompetenz gefördert werden kann und dass für diese Prozesse eine angemessene Wissensbasis geschaffen werden muss. Also: Die Erstausbildung wird nicht verschwinden, sie wird nicht an Bedeutung verlieren, aber sie wird ihre Funktion ändern und damit auch ihr inhaltlich methodisches Profil: Berufsfertigkeit wird nicht länger Ziel der Erstausbildung sein, sondern sie wird sich stärker darauf konzentrieren müssen, systematisch in einen Beruf einzuführen, d.h. erste Berufserfahrungen zu ermöglichen sowie den Grundstein für die Fähigkeiten und Bereitschaft zur permanenten Weiterbildung zu legen.

 

Überbetriebliche Kooperationen bei Weiterbildung gelten als vorteilhaft

 

Durch Lernortkooperationen können Ressourcen und bestehende Infrastrukturen gebündelt werden und somit können Lernszenarien ganzheitlich abgebildet werden. Ein einzelner Lernort kann die benötigen Mittel wie Gebäude, Ausstattung, Maschinen oder auch Medien oft nicht leisten. Außerdem steigt die Qualität der Weiterbildung durch überbetriebliche Kooperationen, denn die Lerninhalte werden durch eine außerbetriebliche Weiterbildung einheitlicher und besser vergleichbar. Auch können überbetriebliche Berufsbildungsstätten Ausbildungsinhalte übernehmen, die in kleinen und mittleren Unternehmen nicht oder nicht vollständig abgedeckt werden können. Dies sichert die Ausbildungsfähigkeit und Wettbewerbsfähigkeit von KMUs und stellt damit einen Beitrag zur Fachkräftesicherung dar.

 

Informell erworbene Fähigkeiten können anerkannt werden

 

Bei der Anerkennung informell erworbener Kompetenzen geht es darum, Lernergebnisse unabhängig von der Art und Weise, in der sie erworben wurden, zu erfassen und sichtbar zu machen. Übergänge im Bildungs- und Beschäftigungssystem könnten dadurch erleichtert werden, Bildungszeiten besser genutzt und die Verweildauer in Bildungsmaßnahmen reduziert werden.

Dabei gibt er verschiedene Möglichkeiten. Ein interessantes bereits bestehendes Projekt ist ProfilPASS. In einem angeleiteten und strukturierten Prozess werden die eigenen Kompetenzen aus allen Lebensbereichen ermittelt und dokumentiert. Ziel ist es, die eigenen Fähigkeiten und informell erworbenen Kompetenzen bewusst zu machen und für die Lebensplanung und das berufliche Vorwärtskommen zu nutzen. Der ProfilPASS ist der erste Weiterbildungspass, der deutschlandweit angewendet wird und neben schulischen und beruflichen Qualifikationen auch informelles Lernen einbezieht.

 

Dr. Roman Götter möchte sich noch einmal herzlich bei allen Teilnehmenden und dem Landtag von NRW für die Einladung bedanken.