Was bedeutet Evolving Education? Ein Interview mit Clara Tu

7.5.2019

Was bedeutet Evolving Education für Sie?

Clara Tu: Für mich persönlich ist Evolving Education eigentlich ein positiv besetztes Synonym für lebenslanges Lernen. Lebenslang klingt für mich immer etwas gezwungen und belastend. Evolving hat für mich etwas Zukunftsorientiertes und gleichzeitig Motivierendes. Es ermutigt mich mir jeden Tag bewusst zu werden, dass ich durch ständiges Dazulernen jederzeit meinen Beruf, meine Tätigkeit, meine Zukunft beeinflussen kann.

Warum ist Evolving Education für die Fraunhofer Academy wichtig?

Tu: Nicht nur Inhalte, sondern auch Lernorte oder Formate werden ständig weiterentwickelt. Daher werden auch unsere Programme in einem Netzwerk an Fraunhofer-Instituten und externen Kooperationspartnern flexibilisiert und zielgruppenrecht angepasst. Der Fokus auf angewandte Forschungserkenntnisse hat bei uns höchste Priorität. Unternehmen interessiert vor allem, ob sie mit uns ein Problem lösen können oder wie unser Know-how sie besser macht. Somit reicht es nicht aus dank unserer angewandten Forschung neue Themen und Entwicklungen frühzeitig erkennen und entsprechende Angebote entwickeln zu können, sondern wir müssen unsere Inhalte auch immer wieder auf unternehmerische Use-Cases anpassen.

Welche Rolle spielt Chance Management dabei?

Tu: Eine immense. Auch wenn das Wort sehr nach einem Management Buzz-Word klingt, ist es wirklich äußerst bedeutend ständig mit Veränderungen zu rechnen und diese immer gewinnbringend für sich, für sein Unternehmen, für seinen Arbeitgeber zu nutzen. Vor allem jetzt!

Warum ist das vor allem jetzt von so großer Bedeutung?                                                                                

Tu: Viele ältere Menschen werden auf kurz oder lang in Rente gehen, die neuen Generationen Y und Z kommen auf den Arbeitsmarkt und analoge Prozesse und Geschäftsmodelle sind im Vergleich zu digitalen gar nicht mehr bekannt. Es ändert sich in den nächsten Jahren so viel und daher sollten wir genau deshalb jetzt immer neugierig bleiben und nicht nur beobachten, sondern aktiv gestalten. Um das zu tun müssen wir uns auch immer wieder für diese neuen Themen begeistern und durch Weiterbildung lernen welchen Nutzen uns die technologischen Veränderungen bringen und wie wir mit diesen umzugehen können.

Wie wird sich das Lernen in Zukunft entwickeln?

Tu: Das ist eine große und offene Frage. Wir können sicher nicht die Zukunft vorhersehen, aber wir haben in der Fraunhofer Academy mithilfe der Foresight Methode verschiedenen Zukunftsszenarien entwickelt, die für uns absolut richtungsweisend wurden. 2017 begannen wir mit dem Prozess und konnten anhand von 6 Schlüsselfaktoren vier verschiedenen Szenarien entwickeln. Vor allem das Szenario eines Weiterbildungs-Netflix beschäftigt uns auch heute noch. Im Mittelpunkt dieses Szenarios steht eine zentrale Online-Plattform mit hochqualitativen, personalisierten und anbieterunabhängigen Weiterbildungscontent, der vielleicht sogar noch durch ein Abo-Model – nicht zwangsweise lebenslang aber kontinuierlich – konsumiert werden kann. Diese Art von Plattform wäre ein wirklicher Fortschritt in der Bildungsbranche. Natürlich, würde uns dies vor viele Herausforderungen stellen, aber genau diese motivieren uns immer am Ball zu bleiben und unsere Geschäftsmodelle zu hinterfragen und weiterzuentwickeln.

Was ist Ihrer Ansicht nach die größte Chance bzw. die größte Herausforderung von Evolving Education?

Tu: Für uns alle stellt die enorme Geschwindigkeit in der Technologieentwicklung eine riesen Herausforderung dar. Technologien entwickeln sich weltweit so enorm schnell weiter, dass sich die „Human Adaptability“ nicht schnell genug anpassen kann. Wir müssen den Steigerungsgrad dieser menschlichen Anpassungsfähigkeit deutlicher erhöhen und das schaffen wir durch Evolving Education. Dies ist vor allem für die Fraunhofer Academy eine große Chance.

Sie interessieren sich derzeit vor allem dafür, wie KMUs und große Konzerne das Thema Evolving Education umsetzen. Gibt es bereits Erfahrungen wie personalisierte Online-Lernplattformen angenommen werden oder andere überzeugende Konzepte?

Tu: Wir hatten in unserer Studie „Digitale Kompetenzen – Anspruch und Wirklichkeit“ festgestellt, dass Lernbereitschaft eine der wichtigsten Kompetenzen für Mitarbeiter*innen ist. Allerdings wird diese in den Unternehmen selbst wenig gefördert. Falls es hier gute Best Practices gibt, freue ich mich, wenn Sie mich kontaktieren.